Bei meinen Eltern

Meine Mutter war im Alter von 88 Jahren neben den Altersgebresten fast blind. Der Haushalt musste deswegen fast von alleine laufen, es durfte sich nichts verändern sonst fand sie sich nicht mehr zurecht. Sie sah ihre Umgebung durch einen Schleier und ging mit Staub und Schmutz grosszügig um. Das hat mich lange gestört, dauernd war ich putzend unterwegs, ich hatte das Gefühl Ordnung machen zu müssen. Meine Mutter sah das alles nicht, für sie war alles wie immer und sie empfand meine Bemühungen als Eingriff in ihre Welt. Sie wollte mit mir am Tisch sitzen und gemütlich Erinnerungen austauschen.
Eines Tages kapierte ich das und konnte meine Optik wechseln. Ich wurde entspannt, akzeptierte und genoss die leicht desolate Ordnung im Haus wie ein Luxus. Und machte Fotos.
Heute sehe ich so viel Persönliches –  besonders von meiner Mutter – in den Bildern. Sie berühren mich und erzählen Geschichten. Jedes Bild ist ein kleiner Altar der Erinnerung.
Bilder Gerda Müller